Digitalpakt: So schaffen es Schulträger schnell durch den Digitalisierungs-Dschungel

Veröffentlicht am: 4. August 2020 Autor: Ralf Koenzen Veröffentlicht in Engagement, Trends Keine Kommentare

Mittlerweile haben sich auch die letzten Schulen in Deutschland in die Sommerferien verabschiedet, die ersten Ferien gehen sogar schon zu Ende. Nach einer wochenlangen Geduldsprobe beim Homeschooling haben sich die Schülerinnen und Schüler, Lehrer und vor allem Eltern eine Auszeit verdient. Doch Ruhe wird in den Schulen nicht einkehren. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass die Digitalisierung in Deutschlands Schulen viel schneller vorangetrieben werden muss. Aktuelle Zahlen belegen allerdings die erschreckende Realität und zeigen dringenden Handlungsbedarf. Laut einer Umfrage der Rheinischen Post wurden bislang nur 390 Millionen Euro des etwa 5 Milliarden großen Fördergeldtopfs bewilligt. Die wohl größte Bremse? Unsicherheit und fehlendes Technik- und Datenschutz-Know-how.

Entscheidern fehlen Orientierungshilfen

Jede Schule und jeder Schulträger fängt derzeit bei null an. Es gibt nur in ganz wenigen Bundesländern überhaupt Vorgaben für die Anschaffung geeigneter Infrastruktur – die sind aber eher abstrakt und lassen viel Handlungsspielraum, oft auch im negativen Sinn. Die Folge: Jeder Träger muss für sich selbst entscheiden, was er anschafft. Muss sich fragen: Welche Technik ist sicher? Was braucht eine zukunftsfähige Lösung? Wie sieht es mit dem Gesundheitsschutz aus?

Besonders schwer wiegen Fragen des Datenschutzes, und auch das jüngste EuGH-Urteil zum Ungültigkeit des Privacy Shield macht die Suche nach einer geeigneten Digitalinfrastruktur nicht einfacher. Schließlich wurde damit höchstrichterlich festgestellt, dass Cloud-Lösungen von US-Anbietern in der heutigen Form datenschutzrechtlich unzulässig sind. Die Folge des Dickichts: überforderte Schulen, Schulträger und Kommunen, wie nicht zuletzt im NRW-Landtag beklagt wird. Dabei ist der Schutz der persönlichen Daten der Kinder und Teenager für die Deutschen besonders wichtig und fordert die Politik zum Handeln auf, wie eine repräsentative YouGov-Umfrage zeigt. 

Positivlisten als wichtiger Digitalisierungs-Baustein

Es gibt „viel Handgestricktes und wenig Strukturelles“, hat Schulforscherin Birgit Eickelmann festgestellt. Schul-Digitalisierung ist mehr als den Schülerinnen und Schülern ein paar Tablets in den Klassenraum zu legen oder ein Smart-Board an die Wand zu hängen. Und es gibt neben der zögerlichen Umsetzung ein weiteres Problem: Schnellschüsse, die aufgrund der aktuellen Lage immer häufiger getätigt wurden.

Zugegeben, offiziell streiten sich Experten noch darüber, was für Technik, Soft- und Hardware in Schulen erlaubt werden kann – zumindest temporär. Eins ist jedoch klar: Mit kritischem Blick auf zum Beispiel den Datenschutz sind viele heute in den Schulen genutzten Lösungen nicht nur unsicher, sondern schlichtweg unzulässig. Das gilt übrigens nicht nur für Lernprogramme oder Chat- und Video-Dienste im Homeschooling, sondern auch für das Schul-WLAN als Herz des digitalen Lernens.

Um endlich Struktur und Tempo in die Schul-Digitalisierung zu bekommen, werden die Forderungen nach sogenannten Positivlisten geeigneter Soft- und Hardware immer lauter. Die Listen würden Produkte und Lösungen aufführen, die sich nachweislich für den Einsatz in Schulen eignen. Relevante Aspekte wären Datenschutzkonformität, Sicherheit und Nachhaltigkeit inklusive Garantien und Updatefähigkeit. Eine Forderung, die wir ausdrücklich unterstützen. Sie würden Schulträgern und Schulen eine entscheidende Orientierungshilfe bieten, um schnell und rechtssicher zum Ziel zu gelangen.

Die Kultusministerien der Länder sind in der Pflicht

„Wir haben eine Fünf geschrieben und müssen jetzt nachsitzen. Wir haben zu lange gehadert und den Digitalpakt nicht umgesetzt“, sagt auch Verena Pausder, Vorständin des Vereins „Digitale Bildung für alle e. V.“. Damit meint sie nicht nur die mäßigen Abrufe der Fördergelder, sondern auch die Struktur dahinter. Sie kritisiert schon lange, dass Schulträger im Stich gelassen werden.

Hier sind ganz klar die Kultusministerien der Länder in der Pflicht. Nur sie können den Verantwortlichen geeignete Leitfäden in die Hand geben. Besser wäre noch eine einheitliche Regelung für alle Bundesländer, denn jeder Schulträger in Deutschland steht derzeit vor demselben Problem – ungeachtet dessen, ob die Lehranstalt in Niedersachsen oder Bayern steht. Mit der Kultusministerkonferenz gibt es ein Gremium, das sich dieser Aufgabe annehmen könnte. Im besten Fall in enger Zusammenarbeit mit der Datenschutzkonferenz und Sicherheitsexperten, beispielsweise vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Damit das nächste Schuljahr nicht nur digitaler, sondern gleichzeitig auch ein Stück sicherer, nachhaltiger und datenschutzkonformer werden kann.

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